Krimi um Kristallkugel: Leon Ulbricht (21) gewinnt Gesamtweltcup

Leon Ulbricht jubelt über den Gewinn des Gesamtweltcups

Im Snowboardcross kann immer alles passieren. Auch eine Sensation. So wie heute in Mt. St. Anne. Der 21-Jährige Leon Ulbricht gewinnt den Snowboardcross-Gesamtweltcup. In einem Rennen, das spannender nicht hätte sein können.

Es ist ein Snowboardcross-Drama in vielen Akten. Bangen in jeder Runde. Von Photofinish zu Photofinish. Bis ins Finale. Erst dort entscheidet sich, wer die große Kristallkugel gewinnt. Adam Lambert für Australien? Leon Ulbricht für Deutschland? An diesem Samstag in Mt. St. Anne zittert das deutsche Snowboardteam. Und es rechnet. Lambert darf das Finale nicht gewinnen, Ulbricht zugleich nicht Vierter werden. Nur nicht Vierter. Dann hat er die Sensation geschafft. Und er wird – Zweiter. Hinter Lambert. Welch ein Drama mit Happy End. Ulbrichts Rezept: Tiefenentspanntheit.

Ganz vorne in der Gesamtweltcupwertung: Leon Ulbricht fährt vorne weg.

„Klar war ich nervös vor den Heats, aber nicht nervöser als sonst. Für mich war das ein ganz normales Rennen, ich hab‘ auch nicht irgendwie gerechnet, sondern den Gesamtweltcup komplett ausgeblendet. Dass es jetzt so ausgeht, ist natürlich extrem geil.“

Leon Ulbricht

Die Ausgangslage: Ein Punkt Vorsprung auf Chollet, 42 Punkte auf Lambert

Nur auf sich will Leon Ulbricht (SC Rötteln) schauen, „Rennen für Rennen mein Bestes geben“. Das hat er sich im Vorfeld fest vorgenommen. Und zieht es durch. Unweigerlich aber haben zwei Gegner an diesem Tag einen besonderen Stellenwert: Adam Lambert (AUS), allen voran aber Aidan Chollet (FRA). Mit einem Punkt Vorsprung im Gesamtweltcup geht Ulbricht in das Saisonfinale in Kanada, 42 Punkte hinter dem Deutschen lauert der Australier. Der SNBGER-Athlet macht sein Ding. Er macht’s spannend, aber er macht’s.

„Das war schon ein krasser Tag, so viele knappe Heats.“

Leon Ulbricht

Das Zittern beginnt gleich im Achtelfinale. Kurz vor der ersten Kurve geht Ulbricht in Führung. Seine 100 Kilogramm Kampfgewicht und 1,90 Meter Körpergröße helfen, schieben ordentlich an auf dem flachen Kurs, gerade im unteren Teil und auf dieser verrückten kanadischen Zielgeraden. Sichere Sieger werden dort noch zu Verlierern. Beinahe auch Ulbricht, die Gegner fangen ihn noch ab. Photofinish. Warten. Aufatmen. Der 21-Jährige ist weiter. Ähnliches Bild im Viertelfinale. Souverän führt der Deutsche, knapp wird er am Ende noch Zweiter.

Überraschung im Viertelfinale: Rivale Aidan Chollet scheidet aus

Das aber ist nur ein Grund, weshalb Snowboard Germany nach diesem Viertelfinale jubelt. Ein anderer: Überraschend scheidet der Franzose Aidan Chollet aus – ausgerechnet gegen zwei Franzosen, die im Kampf und die Gesamtwertung keine Rolle mehr spielen. Damit also ist Ulbrichts härtester Rivale weg. Was es nicht weniger spannend macht.

Im Halbfinale treffen „Ulle“ und „Lambo“ zum ersten Mal aufeinander. Lambert gewinnt das Heat, das ist klar. Der Rest – wartet. Wieder Photofinish, wieder aufatmen. Ulbricht auf zwei, der Kampf um die Kristallkugel geht weiter.

Wieder wird’s eng im großen Finale. Schon wieder Photofinish. Schon wieder warten. Ist Ulbricht Zweiter? Oder Dritter? Es spielt nicht mehr die größte Rolle. Denn auch wenn der junge Athlet nicht alle Varianten durchkalkuliert hat, auch wenn Lambert an diesem Tag ganz oben auf dem Podest steht – der 21-Jährige weiß: Es reicht. Er nimmt die große Kristallkugel mit nach Hause. Als Zweitplatzierter im letzten Rennen der Saison. Mit 22 Punkten Vorsprung.

Zum dritten Mal geht die SBX-Kristallkugel nach Deutschland

In der zweiten Saisonhälfte machte er diesen Gesamtweltcup-Sieg klar. Erster, Zweiter, Zweiter, das ist die jüngste Bilanz. Mit dem Coup holt er zum dritten Mal die Kristallkugel für das deutsche Snowboardcross-Team – nach dem Doppelerfolg von Martin Nörl in der Saison 2021/22 sowie 2022/23.

Auf dem Kurs in Kanada läuft’s für den 32-Jährigen nicht ganz so rund. Ihn ereilt der Zielgeradentod. Nörl (DJK-SV Adlkofen) rast vorne weg im Achtelfinale, führt souverän. Auf den letzten Metern fangen ihn die Gegner in der Windschattenlotterie noch ab. Knapp verpasst Nörl als Dritter die nächste Runde. Platz 18 am Ende einer Saison, in der er sich mit drei Top-Ten-Plätzen zurückgekämpft hat an die Weltspitze nach seiner schweren Verletzung.

Party? „Ganz entspannt“ geht’s Ulbricht an

Für Jana Fischer (SC Löffingen) endet das letzte Rennen der Saison – bei Charlotte Bankes (GBR) Tages- und Gesamtweltcup-Sieg – bereits in der Qualifikation. Als 21. verpasst sie den Sprung in die Finals. Feiern aber kann sie dennoch doppelt: Als Lebensgefährtin von Adam Lambert und Teamkollegin von Leon Ulbricht.

Apropos feiern. Da gibt Disziplintrainer David Speiser nur eine Regel vor: Um 7 Uhr am morgigen Sonntag müssen alle parat stehen. Dann geht’s zum Flughafen und nach Hause. Er lacht. „Bis dahin werden wir schon ein bisschen anstoßen.“ Ulbricht jedenfalls will die Party „ganz entspannt“ angehen – getreu seinem Erfolgsmotto.

Fotos: FIS/Miha Matavz
Unsere Webseite verwendet Cookies. Mehr dazu findest du in unserer Datenschutzerklärung.
Notwendige Cookies
Cookies akzeptieren