„Ich hab‘ gleich gelernt: Man muss hart arbeiten“

Interview: Leon Vockensperger (22) über Zweifel, Grenzen und lackierte Fingernägel.

Für die Olympischen Winterspiele in Peking (4. bis 20. Februar 2022) ist Leon Vockensperger qualifiziert: mit Platz sechs gleich im ersten Big-Air-Weltcup genommen. Eine Bestätigung, nachdem er im vergangenen Winter sensationeller Zweiter wurde beim Weltcup in Laax. Ausgerechnet er, dem die Trainer mit 14 Jahren gesagt haben, er sei zu alt für eine Karriere als Snowboarder. Und das Talent reiche auch nicht. Im Interview erzählt der 22-Jährige, wie ihn diese Aussagen geprägt haben, welche Rolle ein Coach von damals heute spielt und was Nagellack mit seiner Einstellung zum Leben zu tun hat.

Leon Vockensperger

Geburtsdatum: 25. August 1999
Wohnort: Flintsbach am Inn
Verein: SC Rosenheim
Disziplinen: Slopestyle und Big Air/Freestyle
Beruf: Sportsoldat

Leon Vockensperger ist Teil des Top Teams

Leon, wie schaut’s aus? Hast Du Dir schon überlegt, welche Farbe Deine Fingernägel während der Olympischen Spiele tragen?
Also gerade bin ich ja voll auf Weiß. Weil Weiß einfach immer passt. Vielleicht wechsle ich aber auch mehrere Farben ab, Weiß mit Schwarz, Rot und Gold[k1]  zum Beispiel, dann wär’s ideal für unser Olympia-Outfit. Mal sehen.

Okay, verstehe. Der Nagellack muss zur Kleidung passen.
Klar, da bin ich schon picky (lacht). Ich hatte auch schon Neonorange – da hab‘ ich eine Jacke in Neonorange getragen. Angefangen hab‘ ich ja mit Schwarz. Passt auch zu allem.

Seit wann benutzt Du Nagellack?
Seit ich etwa drei bin.

Ernsthaft? Ohne Unterbrechung?
Nein (lacht). Aber meine Mama hat mir oft die Geschichte erzählt. Wie sie sich im Bad so einen leicht rosafarbenen Nagellack aufgetragen hat. Scheinbar – ich weiß das nicht mehr – bin ich Zwerg reingekommen, hab sie mit riesengroßen Augen angeschaut und hab‘ gesagt: ,Mama, das will ich auch haben. Darf ich das denn?‘ Darauf hat sie mir zum ersten Mal etwas mit auf den Weg gegeben, das mich immer begleitet hat.

Was war das?
Die Botschaft: Du darfst alles, wenn es Dir gefällt – solange Du Deinen Nächsten nicht verletzt. Meine Mom hat mir immer gezeigt, dass man sich selbst keine Grenzen setzen soll. Egal, ob in der Berufswahl, in der Kleidung. Oder eben in der Frage, ob man sich die Fingernägel lackiert oder nicht.

Du sprichst also von Grenzen, die die Gesellschaft vorgibt?
Genau. Meine Eltern haben mir beigebracht, dass ich mich nicht auf andere konzentriere, sondern auf mich schaue. Dass ich das mache, was mir entspricht und nicht das, was andere von mir erwarten. Dass ich mir immer treu bleibe. Doch die Grenzen beziehen sich auch auf persönliche Ziele, auf den Sport. Es ist alles möglich.

Wann hast Du zuletzt an diese Botschaft gedacht?
Als ich an meinem Geburtstag den Vertrag mit Red Bull unterschrieben habe (seit 25. August 2021 gehört Leon Vockensperger zur sogenannten Red-Bull-Athleten-Familie, Anm. d. Red).

Weshalb genau da?
Es hat mir wieder gezeigt, dass es eben keine Grenzen gibt. Ich hätte niemals gedacht, dass ich das erreichen könnte, dass ich das Potenzial habe, Teil von Red Bull zu werden. Also – Don’t get me wrong – ich wollte es natürlich, das war schon immer mein Traum. Aber es hat sich einfach so weit weg angefühlt. Gerade mit meiner Vorgeschichte.

Du meinst das Sichtungscamp, als Du 14 Jahre alt warst?
Zu alt und zu schlecht, hieß es – kurz gesagt.

Was würdest Du dem Coach von damals gerne sagen?
(lacht) Friedl May ist ja heute auch wieder mein Trainer. Heute machen wir Witze darüber.

Du warst nie sauer?
Ach, das ist alles durch. Ich würde auch nichts ändern wollen. Das gehört zu meiner Geschichte, die mich zu dem gemacht hat, der ich bin. Vielleicht bin ich auch deshalb da gelandet. Wer weiß, wenn ich früher der Hochgelobte gewesen wäre, hätte ich mich vielleicht zurückgelehnt und mir gedacht: Ach, das passiert eh alles von allein. Aber das gab es nie. Ich hab‘ gleich gelernt: Okay, man muss hart arbeiten, dann wird man auch belohnt.

Bist Du manchmal faul?
Klar, jeder ist doch mal faul. Wenn ich aufräumen muss zum Beispiel. Da kann ich ein Messi sein – bis die Jungfrau (dem Sternzeichen wird großer Ordnungssinn nachgesagt, Anm. d. Red.) voll rauskommt und sagt: Jetzt reicht’s. Faul war ich auch, wenn ich in die Schule musste. Sobald der Wecker geklingelt hat… [k2] Snooze, Snooze, Snooze, nochmal umdrehen, nochmal zehn Minuten schlafen. Aber wenn ich fürs Snowboarden aufstehen muss…

… dann?
Einmal klingeln – auf. Hellwach. Einfach so. Ich hab‘ mich neulich um 5 Uhr in der Früh mal wieder gefragt, warum das so ist.

Was war Deine Antwort?
Weil ich weiß, wofür ich es mach, mit ganzem Herzen bei der Sache bin, dafür brenne. Da hast du keine Lust, länger zu schlafen, sondern freust dich, den Tag zu beginnen.

Apropos beginnen: Die Saison hat richtig gut angefangen für Dich mit der Olympia-Quali.
Absolut. Dabei hab‘ ich mich recht unsicher gefühlt.

Warum das?
Nach dem zweiten Platz in Laax letztes Jahr wollte ich auf keinen Fall den ersten Weltcup gleich versemmeln. Das käm‘ bisschen komisch. Dabei ging es mir nicht so sehr darum, wie es nach außen aussehen würde. Vor allem wollte ich mir selbst beweisen: Laax war kein Glück, kein Zufall. Ich kann das. Mit dem sechsten Platz hab‘ ich das gezeigt, das motiviert.

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